Mittwoch, 26. April 2017

{Rezension} Ich, Eleanor Oliphant

Irgendwas läuft bei mir gerade falsch. ich lese zwar sehr viel, komme aber nicht dazu, Rezensionen zu schreiben. Die stapeln sich hier und ich werde wohl nicht mehr alle in diesem Monat fertig kriegen.








Zum ersten Mal in ihrem Leben ist Eleanor verliebt. Sie, die immer eine Einzelgängerin war, versucht nun alles, um für eine Begegnung mit ihrem Auserwählten vorbereitet zu sein.
Gemeinsam mit ihrem Kollegen Raymond beobachtet sie, wie ein alter Mann auf der Straße umkippt. Ihre Rettungsaktion verbindet die beiden und Eleanor muss sich eingestehen, dass die Gesellschaft anderer Menschen auch schöne Seiten haben kann. Langsam entdeckt sie eine ihr bisher unbekannte Welt und beginnt nun auch, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen.







Die Protagonistin ist ziemlich ungewöhnlich. Nach traumatischen Erlebnissen in ihrer Kindheit, über die wir allerdings lange nichts genaues erfahren, hat sich sie in ihrem Leben eingerichtet. Sie hat eine eigene Routine und ihre Arbeit hält sie aufrecht. Sie ist nicht glücklich, aber auch nicht verzweifelt. Sie scheut den Kontakt zu anderen Menschen und ist fast immer allein. Einmal die Woche telefoniert sie mit ihrer Mutter, doch das Verhältnis ist nicht besonders gut. Als Leser taucht man in eine Welt ein, die zumindest mir völlig unbekannt war. Weil Eleanor sich so aus der Gesellschaft herausnimmt, hat sie auch wenig Ahnung von einfachsten Gepflogenheiten und den Grundlagen der Freundschaft. Ihre Überlegungen konnten mich manchmal zum Schmunzeln bringen, aber vor allem haben sie mir gezeigt, wie viel man für selbstverständlich hält, wenn man damit aufwächst. Die Autorin hat einen genauen Blick für die Details zwischenmenschlicher Interaktion, der auch ein neues Licht auf unseren Alltag werfen kann.
Eleanor liebt Sprache und das wird auch im Schreibstil immer wieder deutlich. Die Geschichte ließ sich gut lesen, aber sie war auch emotional und tiefgründig. Gail Honeyman findet immer die richtigen Worte, um Situationen, Gefühle und Menschen perfekt zu beschreiben.
Dieses Buch räumt mit Vorurteilen auf und zeigt, dass mehr in einem Menschen steckt, als man auf den ersten Blick sieht. Raymond, der eine wichtige Rolle spielt, ist gewissermaßen der typische Nerd. Ein schlecht gekleideter Computerfreak, der keine Freundin hat und viel Zeit allein mit Videospielen verbringt. Doch er ist auch ein herzensguter Mensch, der ohne zu zögern für andere da ist. Er ist der erste, der einen Blick hinter Eleanors verschlossene Fassade wagt.
Dann ist da noch Laura, die Tochter des alten Mannes, der auf der Straße zusammengebrochen ist. Sie wirkt wie die toughe Karrierefrau, der Aussehen enorm wichtig ist und die keine Zeit für ernsthafte Beziehungen hat. Doch auch sie stellt sich als sympathisch und hilfsbereit heraus.
Dagegen sind die Kolleginnen im Büro eigentlich ganz normale Menschen. Mit ihnen kann ich mich identifizieren, sie führen ein durchschnittliches Leben. Doch gerade diese normalen Menschen ohne besondere Probleme sind diejenigen, die ständig über Eleanor (und andere) lästern. Dabei würde man ohne sie zu kennen davon ausgehen, dass sie freundlich und aufgeschlossen sind, schließlich geht es ihnen gut. Aber ich will sie nicht verteufeln, denn schließlich meinen sie es nicht böse.
Eleanors Mutter spielt eigentlich nur eine Nebenrolle, aber ihr Einfluss scheint größer zu sein als ihr Redeanteil. Deshalb habe ich mich die ganze Zeit gefragt, was in Eleanors Vergangenheit passiert ist. Warum nennt sie ihre Mutter "Mummy", als wäre sie noch immer ein kleines Kind? Und warum besucht sie sie nie? Diese Fragen haben wesentlich dazu beigetragen, dass ich das Buch so schnell durch hatte. Am Ende wird alles auf sehr überraschende Weise beantwortet.
Ich habe ziemlich bald gedacht, ich wüsste, wohin die Geschichte laufen würde. Doch das, was ich die ganze Zeit erwartet habe, ist nicht passiert. Dann wurde mir klar, dass ich in einem Denkmuster gefangen bin, aus dem ich so leicht nicht mehr rauskomme. Es ging aber eigentlich um etwas ganz anderes, das Eleanor lernen sollte. Es geht darum, herauszufinden, wer man selbst ist und was man mit seinem Leben anfangen möchte. Manchmal muss man dafür die Vergangenheit hinter sich lassen, auch wenn es schwer fällt.

Von Bastei Lübbe habe ich nicht nur das Rezensionsexemplar bekommen, sondern auch eine Ausgabe, die ich an meine "beste Freundin" verschenken durfte. Wir haben uns schon während des Lesens ausgetauscht, deshalb hier nun auch ihre Meinung zum Buch:

"Ich finde es toll, weil sie so ganz anders ist [...] Außerdem, weil sie eine so ungewöhnliche Sichtweise auf die Welt hat. [...] Ich finde ihre Gefühlsbeschreibungen immer so schön. [...] Cooles Ende auf jeden Fall."









Ein wunderbarer Roman, der den Blick auf die kleinen Glücksmomente des Alltags richtet und gleichzeitig mit dem Geheimnis um Eleanors Vergangenheit für Spannung sorgt.

Freitag, 21. April 2017

{Theogequatsche} Ostern für alle

Meine Osterpause ging doch etwas länger als gedacht, aber das echte Leben hat eben Vorrang. Jetzt möchte ich aber doch noch ein paar Gedanken mit euch teilen, die ich mir in den letzten Tagen gemacht habe.

Für viele von euch bedeutet Ostern wahrscheinlich Eier färben, Familie besuchen und mal wieder ein paar Tage frei. Das ist natürlich vollkommen legitim, aber für mich als Katholikin ist dieses Fest das wichtigste überhaupt, deshalb habe ich mich gefragt, ob es nicht noch mehr geben müsste. Einen Sinn, der über die Traditionen hinausgeht und der auch für Nichtchristen bedeutsam sein kann.

Grabeskirche (Jerusalem)
Ich muss ein bisschen ausholen, aber am Ende werdet ihr mir hoffentlich zustimmen. In den Gottesdiensten der Kar- und Ostertage werden wie immer verschiedene Geschichten aus der Bibel, vor allem von Jesus, vorgelesen. Es dürfte bekannt sein, dass wir seinen Tod und seine Auferstehung feiern, aber das ist gar nicht der Punkt. Mir ist aufgefallen, dass die Texte größtenteils aus der Perspektive Jesu erzählt sind. Jesus zeigt sich nach der Auferstehung seinen Jüngern und erklärt ihnen alles. Als Zuhörer/Leser wissen wir schon, was passiert ist, aber wir erleben direkt die ersten Reaktionen mit. Und das ist in allen Fällen große Freude. Wie cool ist das denn. Wenn man sich auf die Geschichten einlässt, dann kann man nachempfinden, wie Jesus sich gefühlt haben muss, als den Leuten klar wurde, was er ihnen die ganze Zeit vermitteln wollte. Stellt euch vor, ihr habt großartige Neuigkeiten und erzählt sie eurem besten Freund. Ist doch wunderbar, wenn der sich dann so richtig darüber freut.

Genau um dieses Gefühl geht es. Egal, ob man an die Auferstehung glaubt oder nicht, gefreut haben wir uns doch alle schonmal über etwas. Diese Freude können wir schon durch Kleinigkeiten weitergeben. Das kann ein Geschenk für die Liebsten zum Osterfest sein, aber auch ein freundliches Lächeln für die Kassiererin im Supermarkt oder ein tröstendes Wort in schweren Zeiten. Überall da, wo wir einem Menschen Freude schenken, ist Ostern. Halleluja.

Montag, 10. April 2017

{Rezension} Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt

Schon einmal hat mich ein Buch von Mhairi MacFarlane zutiefst berührt. Mit ihrem aktuellen Roman hat sie es wieder geschafft, mich in ein Gefühlchaos zu stürzen. Auf eine gute Weise.









Schon länger chattet Edie mit ihrem Arbeitskollegen Jack. Obwohl er verlobt ist. Auf seiner Hochzeit küsst er jedoch völlig überraschend Edie und beide werden promt von der Braut erwischt. Daraufhin ist nichts mehr so, wie es war. Edie erlebt einen Shitstorm der übelsten Sorte und will auf keinen Fall ins Büro zurück. Ihr Chef schickt sie in ihren Heimatort Nottingham, wo sie die Autobiographie eines berühmten Schauspielers schreiben soll. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ist dieser auch recht sympathisch. Nur Edies Familie will sich über ihre dreimonatige Anwesenheit einfach nicht freuen.








Nach der anfänglichen Aufregung ist die Handlung eher ruhig gehalten. Es geht vor allem um die kleinen Alltagssituationen, in denen sich zeigt, wer man wirklich ist. Dabei war es trotzdem spannend, einfach weil der Schreibstil mich so wunderbar in die Geschichte hineingezogen hat.
Die Autorin muss einen sehr großen Wortschatz besitzen, der auch in der Übersetzung nicht verloren geht. Dazu mischt sie einen feinen Humor, der mit der Sprache spielt und mich oft zum Schmunzeln bringen konnte.
Die ganze Zeit über habe ich mich Edie unheimlich nah gefühlt und viel mit ihr gelitten. Sie ist sehr emotional, was für mich manchmal ein bisschen anstrengend war. Wenn sie wütend wird, kann sie sich sehr gut in dieses Gefühl hineinsteigern. Als ich noch etwa 80 Seiten vor mir hatte, gab es in meinem Leben etwas, das mich selbst sehr wütend machte. Plötzlich konnte ich Edie total gut verstehen. Anscheinend war ich vorher einfach nicht in der richtigen Stimmung gewesen.
Die Geschichte ist komplett aus Edies Sicht erzählt, sodass wir alle Figuren mit ihren Augen sehen. Das führt zwar zu einer gewissen Voreingenommenheit, gleichzeitig merkt man aber auch, dass Edie bemüht ist, in den Menschen zuerst das Gute zu sehen. Deshalb gibt es auch eine ganze Reihe liebenswürdiger Charaktere, von den offensichtlichen Bösewichtern mal abgesehen. Es ist ein bisschen wie im echten Leben; es gibt zwar haufenweise tolle Menschen, aber wenn man nicht aufpasst, können ein paar miese Typen alles kaputt machen.
Mich hat irritiert, dass Lucie anfangs "Evie" und später auch "Lewis" sagt. Macht sie diesen Fehler absichtlich oder hatte die Autorin die richtigen Namen nicht parat? Es wird jedenfalls mit keinem Wort darauf eingegangen, sodass es irgendwie verständlich geworden wäre.
Das Ende hat mir überhaupt nicht gefallen. Es ist leider nicht nachvollziehbar, wie die letzten und wichtigsten Entscheidungen hier getroffen werden. Vielleicht hören manche an dieser Stelle auch meinen jugendlichen Leichtsinn heraus, aber ich hätte sicher anders gehandelt. Nachdem ich im ganzen Buch mitgefühlt habe, war ich hier komplett raus und wollte die Protagonisten am liebsten schütteln, damit sie zur Besinnung kommen. Selbst der Epilog konnte mir keine wirkliche Erleichterung bringen, weil für meinen Geschmack zu viel offen bleibt, auch wenn man erahnen kann, was die Autorin andeuten wollte.
Mir hat gut gefallen, dass es hier nicht ausschließlich um eine Liebesgeschichte geht. Bevor ein Happy End überhaupt realistisch wird, muss Edie erst einmal lernen, mit Schuldgefühlen und Anfeindungen umzugehen, und zwar in mehr als einer Hinsicht. Sie macht Fehler und lernt daraus. Es geht eigentlich viel mehr darum, mit seinem Leben klarzukommen, mit den Dingen, die man nicht ändern kann, und den Rest selbst in die Hand zu nehmen. Es geht zwar auch um Liebe, aber vor allem in ihrer Unberechenbarkeit, in der Wucht, mit der sie über uns hinwegfegt, ohne dass wir uns wehren können.








Dieses Buch hat mich so viel fühlen lassen, dass ich gar nicht weiß, ob ich es schön oder traurig finden soll. Es lohnt sich auf jeden Fall zu lesen, schon weil der Schreibstil so bezaubernd ist.

Freitag, 7. April 2017

Cold Reset - Was ist ein writers room?

Ich habe euch ja schon ausführlich den Thriller "Cold Reset" vorgestellt und dabei angedeutet, dass dieses Buch nicht wie alle anderen in den kreativen Untiefen eines Autors entstanden ist. Auf der Leipziger Buchmesse durfte ich ein Bloggertreffen mit Markus Stromiedel besuchen. Er ist verantwortlich für die ganze Geschichte und hat uns einiges über den Entstehungsprozess verraten.


Markus Stromiedel arbeitet hauptsächlich als Drehbuchautor. Bei großen Serien muss oft jeden Tag eine neue Folge geschrieben werden. Das kann einer alleine gar nicht schaffen. Dafür gibt es dann einen sogenannten writers room. Ein Team aus Autoren überlegt sich gemeinsam die Handlung. Anschließend schreibt jeder eine oder mehrere Episoden und ein Headautor achtet darauf, dass alles zusammenpasst. Neun Wochen dauert es im Schnitt von der Idee zum fertigen Drehbuch.
Dieses Prinzip wollte Stromiedel nun auf einen Roman übertragen. Schließlich kann es nicht sein, dass der Schreibprozess so lange dauert, dass aktuelle Themen schon fast wieder verjährt sind. Lübbe ging auf den Vorschlag ein und stellte die Räumlichkeiten zur Verfügung. Stromiedel hatte bereits vier Kollegen im Sinn, von denen er dachte, dass sie gut zu seinem Projekt passen würden. Alle sagten zu. Wichtig bei deren Auswahl war vor allem, dass sie kommunikativ waren (schließlich ging es um Teamarbeit), nicht eitel (Ideen konnten ständig verworfen werden) und bereit, jeden Tag diszipliniert zu arbeiten. Überraschenderweise kam es nur in der ersten Woche zu Reibungen untereinander, die schnell geklärt werden konnten.
Mit diesen Voraussetzungen konnte es losgehen. Der Ausgang war völlig offen. Von der Handlung stand nur fest, dass jemand in einem Auto aufwacht, das gerade im Wasser versinkt. Er kann sich an nichts erinnern, aber sein Handy sagt ihm, dass er laufen soll. Alles weitere wurde in den ersten zwei Wochen gemeinsam überlegt und geplottet. Die einzelnen Charaktere entstanden und es wurde gründlich Recherche betrieben, damit man glaubwürdig bleibt.
Danach kehrte Ruhe ein im writers room. Die Diskussionen waren vorbei, es ging ans Schreiben. Jeder musste zwei Kapitel pro Tag fertig bekommen, um die Deadline einzuhalten, immerhin war der Plot auf 100 Kapitel angelegt. Stromiedel als Headautor hatte die Aufgabe, alles zu lesen und darauf zu überprüfen, ob es in den gewünschten Roman passte. Schwierig war hier vor allem, den vorher besprochenen Schreibstil einzuhalten, sowie die Orientierung innerhalb der Handlung, da jeder Autor an einer anderen Stelle zu schreiben begonnen hatte. Die Menge an Text führte schlussendlich dazu, dass er in Verzug geriet.
Nach fünf Wochen waren alle Kapitel geschrieben und die Autoren verabschiedeten sich wieder in ihr eigenes Leben. Stromiedel blieb, um die Überarbeitung fertig zu stellen und einzelne Passagen zu korrigieren oder zu ergänzen.
Das Lektorat konnte ebenfalls schneller durchgeführt werden als üblich, sodass es ungefähr ein Vierteljahr brauchte, bis das Buch zur Erscheinung bereit war. Mit einem engagierten Team ist es also durchaus möglich, einen Roman zu aktuellen Ereignissen auch zeitnah zu veröffentlichen.


Das Buch zeichnet sich durch einen rasanten und fesselnden Schreibstil statt. Auf ausführliche Beschreibungen wurde verzichtet, lediglich die wichtigen Details sind genannt. Der Rest bildet sich automatisch im Kopf des Lesers. Wie ein Film zieht die Handlung vorbei und viel zu schnell ist man auf der letzten Seite angelangt. Wegen seiner kurzen Kapitel ist der Thriller auch gut für unterwegs geeignet, obwohl ich bald so gepackt war, dass ich ihn nach der Viertelstunde Bahnfahrt nicht mehr aus der Hand legen wollte.
Die Themen sind aktuell und regen zum Nachdenken an. Es geht nicht nur darum, actionreich unbekannten Verfolgern zu entkommen, sondern auch um die Frage, was die Wissenschaft darf. Wie weit darf man für den Fortschritt gehen und was passiert, wenn neue Technologien in den falschen Händen landen? Große moralische Fragen werden hier aufgeworfen, aber die Antworten bleiben individuell. Wer hier am Ende der Böse ist, muss sich erst noch zeigen.


Einen ausführlichen Bericht zu den Erfahrungen im writers room gibt es auch direkt von Markus Stromiedel.

Dienstag, 4. April 2017

{Leseliste} April

Für diesen Monat habe ich mir relativ viel vorgenommen, aber ich werde auch (zumindest theoretisch) viel Freizeit haben. Ich müsste sie nur zum Lesen nutzen. Aber das Problem kennt ihr sicher.


Corrinne Jackson - Touched - Band 2 (und 3)
Cecelia Ahern - Perfect
Sina Müller - Josh und Emma - Dilogie
Erin Watt - Paper Princess
Abbi Waxman - Gegen Liebe ist kein Kraut gewachsen
Mhairi MacFarlane - Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt

Damit werde ich diesen Monat hoffentlich ein paar "Reihen" abschließen. Jane Austens "Stolz und Vorurteil" möchte ich ebenfalls noch beenden, auch wenn es mich bisher nicht packen konnte. 

Kennt ihr einige der Bücher? Was habt ihr davon schon gelesen?
Lasst mir auch gern eure Leselisten da, dann komme ich stöbern!